Schuldig oder Unschuldig? – Zwei Kurse der Q2 im Gewissenskonflikt





Ein Flugzeug wird von mutmaßlich islamistischen Terroristen entführt und rast auf ein ausverkauftes Fußballstadion zu.  164 zu 70000. Jetzt muss alles schnell gehen, es gilt keine Zeit zu verlieren. Major Lars Koch, Pilot eines Kampfjets der Bundeswehr, bleibt nichts anderes übrig, als das Passagierflugzeug abzuschießen und somit das Leben von 70000 Menschen zu retten. Er schafft es, das Schlimmste zu verhindern.. Oder?
Bereits wenige Wochen später muss er sich vor Gericht rechtfertigen. Immerhin ist ein Menschenleben genauso viel wert wie zehn, hundert oder eben tausende.
Hätte man die Situation anders regeln können? Hatte Lars Koch wirklich alles versucht?  Darf das Grundgesetz in einer solchen Ausnahmesituation verletzt werden? Hätte man das Stadion evakuieren können? Macht sein Handeln Lars Koch zu einem Helden oder doch zu einem Täter? Schuldig oder unschuldig? Sollte Major Koch bestraft werden und wenn ja, wie?
Wie hättest Du gehandelt?

In einer Welt, in der Terror kaum noch aus den täglichen Nachrichten wegzudenken ist, stellen sich solche Fragen leider immer häufiger – auch außerhalb des Philosophieunterrichts.
Aus diesem Grund besuchten der Deutsch-Leistungskurs sowie der SoWi Zusatzkurs der Q2 gemeinsam mit Frau Krasenbrink und Herrn Hensler, am 21.02.2017 das Theaterstück “Terror” im TiC in Wuppertal. Ferdinand von Schirachs Justizdrama behandelt nämlich genau diese Fragen.
Zuvor hatten wir im Unterricht kurz über unsere Erwartungen an “Terror” gesprochen. Besonders vielversprechend hörte es sich vor allem deshalb an, weil am Ende des Stücks das Publikum darüber entscheiden muss, wie die Gerichtsverhandlung ausgehen sollte.

Aufgrund der kleinen Räumlichkeiten des TiC herrscht bereits sofort nach unserer Ankunft eine gedrückte und angespannte Atmosphäre. 
Der Richter, die Staatsanwältin sowie der Angeklagte sitzen an ihren Plätzen. Nach der verspäteten Ankunft des Verteidigers kann es dann endlich losgehen.
Anlass der Verhandlung ist Lars Kochs Entscheidung, 164 unschuldige Passagiere eines Flugzeuges zu töten, um den Tod einer weitaus größeren Menschenmenge zu verhindern. Den Tatbestand leugnen weder der Angeklagte noch sein Verteidiger. Nichtsdestotrotz steht eine lange Verhandlung bevor.
Koch und sein Verteidiger schaffen es nämlich sein Handeln zu rechtfertigen. Zwar habe der Major gegen den ausdrücklichen Befehl vom Boden, das Flugzeug nicht abzuschießen, verstoßen, doch verbot man ihm damit auch zugleich das Leben der 70000 Zuschauer in der Allianz Arena zu schützen. Eine Situation, die Lars Koch aus ethischen Gründen nicht habe zulassen können (/wollen); Eine Tat, für die die Staatsanwältin absolute Verständnislosigkeit zeigt.

Durch Fragen wie „Warum wurde das Stadion nicht evakuiert, es war doch genug Zeit?“ oder „Hätten Sie das Flugzeug auch abgeschossen, wenn Ihre Frau und Ihr Sohn an Board gewesen wären?“ löst sie eine große Diskussion aus. Mit starken Argumenten und gewusstem Kontern, schafft sie es immer wieder das Publikum für sich zu gewinnen.
Auch der Verteidiger schützt seinen Mandanten so gut es geht mit den vorliegenden Fakten: Koch sei nicht in der Position gewesen, eine Evakuierung zu veranlassen und habe weitere Tote nur verhindern können, indem er selbst 164 Menschen tötete. Und obwohl die Staatsanwältin seriöser auftritt, sind es Lars Koch und sein Verteidiger, die als Gewinner des Prozesses hervorgehen.
Als nach knapp zwei Stunden endlich das Publikum über Kochs Schicksal und somit das Ende des Theaterstücks entscheiden darf, wird nämlich klar: Lars Koch wurde von einer eindeutigen Mehrheit als unschuldig befunden. Obwohl einige Schüler mit dem Ende nicht ganz zufrieden waren, ist das Ergebnis keineswegs überraschend, denn bisher wurde der Angeklagte deutschlandweit noch in keiner Aufführung für schuldig erklärt.

Die spannende Diskussion über zeitlose ethische Fragen sowie die überzeugende schauspielerische Leistung (u.a. von Frau Dr. Rüter in der Rolle der Staatsanwältin), sorgten noch einige Tage später für Gesprächsstoff und machten “Terror” zu einer tollen Erfahrung für die beiden Kurse der Q2

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