Als Täterkind hat man es nicht unbedingt einfach – Zeitzeuge sprach mit EMA-Schüler über seine Familiengeschichte





Am Dienstag, den 21.05.2019, besuchte Dirk Kuhl seine ,,alte Penne”, das Ernst-Moritz-Arndt Gymnasium an der Elberfelderstraße in Remscheid. 1961 absolvierte er dort sein Abitur. Gerne erinnert sich Kuhl an seine alte Schulzeit zurück:,,Mein Lateinlehrer, Herr Jacobi, war eigentlich bereits in Pension gegangen. Jedoch gab es zu wenig Lehrer nach den beiden Weltkriegen und deshalb musste er an die EMA zurückkehren. Er hatte eine total komische Stimme.”

Dann kommt der 79-Jährige zum eigentlichen Thema: „Ich bin, wie es in der Literatur steht, ein sogenanntes Täterkind.“

Sein Vater, Dr. Günther Kuhl, beendete seine Schullaufbahn 1928 und absolvierte anschließend ein Jurastudium an den Universitäten Freiburg im Breisgau und Bonn.

Günther Kuhl war bereits nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten Anfang Mai 1933 der NSDAP und noch im selben Jahr der SA beigetreten. Von der SA wechselte er 1938 zur SS. Im Juli 1938 übernahm er die Leitung der Staatspolizeileitstelle Hamburg. Im Oktober 1942 wurde er zur Staatspolizeistelle Braunschweig versetzt, die er offiziell von Anfang Januar 1943 zunächst als Regierungsrat und ab 1944 als Oberregierungsrat bis zum Kriegsende leitete. Innerhalb der SS stieg er im November 1944 bis zum SS-Obersturmbannführer auf.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges befand sich Günther Kuhl in britischer Internierung. Durch ein britisches Militärgericht wurde er 1948 aufgrund begangener Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 9. Dezember 1948 im Zuchthaus Hameln vollstreckt.

Die Wahrheit über seinen Vater erfuhr Dirk Kuhl erst von seinem Onkel. Auslöser des Ganzen war  die Schulreise nach Berlin mit dem Bus. Dirk Kuhls Mutter ließ ihn aus Angst nicht durch die DDR fahren, er musste fliegen.

Dies hinterfragte der damals 18-Jährige. Doch seine Mutter hatte die Schuld ihres Mannes totgeschwiegen. Seine Mutter hatte es ihm bis zu ihrem Tod verschwiegen, dass sein Vater ein ,,richtiger” Nazi gewesen sei. Über Umwege fügten sich einzelne Puzzleteile zu einem Gesamtbild – der Schuld seines Vaters. Erst der israelischer Psychologe, Dan Bar-On, habe ihm geholfen, mit seiner Geschichte umzugehen.

Viele Erinnerungen habe er nicht mehr an den Vater, sagt Kuhl. Das Verdrängen liege in der Natur der Sache. „Ich habe mir Gefühle ihm gegenüber abgewöhnt.“ Der Tod seines Vaters habe ihn befreit.

Die Schüler der Klassen 9b und 9d waren sichtlich gerührt. Einige wollten auch wissen, welche Ansichten Kuhl zu den heutigen Rechten-Parteien besitzt.

Wenn eine bestimmte Menschengruppe nach Recht und Gesetz benachteiligt wird, droht Gefahr, betont Kuhl. Und er gibt den Schülern auf den Weg: „Ob es so weit kommt, liegt an euch. Wenn sich unsere Gesellschaft öffentlich nach außen gegen Rechts bekennt, so wie dies an der EMA schon seit längerem geschehe, dann sieht er keine große Bedrohung wie damals.”

Anschließend an die Veranstaltung fand eine gemeinsame Begehung in der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall statt, sowie der Eintrag in das goldene Buch der Stadt Remscheid. Der Besuch von Dirk Kuhl fand in Kooperation zwischen dem EMA-Gymnasium und dem Verein ,,Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall Remscheid e.V.” statt.

 

Text: Francesco Lo Pinto

Sämtliche Bilder: © by Blg

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